Die Diagnose
Warum landet jede Korrektur ein wenig neben dem Ziel?
Unsere Zeit beschreibt sich in einem Vokabular des Verfehlens: das Alignment-Problem der künstlichen Intelligenz, Burnout bei der Arbeit, Trauer und Angst um das Klima. Die Bereiche sind verschieden, die Diagnose ist dieselbe. Jede Korrektur ist aufrichtig und klug, und jede landet ein wenig neben dem Ziel: Effizienz steigert den Verbrauch, und Präsenz braucht eine App. Wenn mehr Tun nicht mehr hilft, wird das Vokabular zum Schrei: Von hier aus lässt sich das nicht beheben. Das Kapitel beantwortet den Schrei nicht. Es fragt, ob das Verfehlen ein Zufall ist oder die Gestalt einer Handlung.
Akt I — Das Vokabular
1. Das Vokabular des Verfehlens
Nennen wir sie Robin. Sie ist niemand Bestimmtes, und gerade deshalb kennt jeder jemanden wie sie. Robin hat alles richtig gemacht: Sie hat studiert, eine gute Stelle gefunden, führt einen Haushalt, geht ins Fitnessstudio, denkt an die Geburtstage ihrer Freunde und beantwortet auch abends noch E-Mails. Trotzdem ist sie erschöpft, und wenn man sie fragt, wie es ihr geht, sagt sie, sie könne nicht mehr, sie fühle sich abgekoppelt und nirgends wirklich anwesend. Die Worte sprechen nicht von Versagen, denn Robin ist in allem erfolgreich gewesen, was von ihr erwartet wurde, und gerade das macht die Erschöpfung so seltsam.
Robins Worte beschreiben alle dasselbe: einen Abstand zwischen dem Ort, an dem sie ist, und dem, an dem sie sein sollte. Sie erzählen nicht, was geschehen ist, sondern wo sie im Verhältnis zu ihrem eigenen Leben steht. Ausgebrannt ist, wer auf etwas zugelaufen und nicht angekommen ist, abgekoppelt, wer da ist, aber nicht beteiligt, und abwesend, wessen Leben ein wenig an ihm vorbeiläuft. Burnout kam erst in den 1970er-Jahren in die Alltagssprache, und heute ist es überall. Robin geht durch alle sieben Essays dieses Buches: als Kind, als Erwachsene im System und in dem Augenblick, in dem sie sieht, wo sie steht.
Dasselbe Vokabular hört man in den Laboren der künstlichen Intelligenz, nur geht es dort um Maschinen und nicht um Menschen. Alignment bedeutet, ein System dazu zu bringen, das zu verfolgen, was mit ihm gemeint ist, und Misalignment bedeutet, dass es das Ziel verfolgt, das man ihm gegeben hat, und es trotzdem verfehlt. Entwickler sprechen von Reward Hacking und Specification Gaming: Die Maschine erfüllt die Messgröße perfekt, geht aber am Zweck vorbei, dem die Messgröße dienen sollte. Die Sprache ist technisch und sorgfältig, doch ihre Gestalt ist dieselbe wie in Robins Worten. Etwas zielt, landet nah dran und verfehlt dennoch, und niemand hat das gewollt.
In Kliniken und Schulen hört man dieselbe Gestalt in einer dritten Sprache, der Sprache von Pflege und Bildung. Ärzte erzählen von Patienten, deren Werte gut sind, denen es aber nicht gut geht, und Lehrer von Schülern, die ihre Aufgaben mit guten Noten erledigen, aber an nichts beteiligt sind. Man spricht von Entfremdung vom Körper, von anderen Menschen und vom Augenblick, in dem man lebt, und die angebotene Behandlung ist oft eine neue Messgröße. Die Bereiche sind verschieden, die Methoden sind verschieden und das Vokabular ist verschieden, doch alle kommen beim selben Wort an: daneben. Niemand hat es vom anderen entlehnt, und niemand hat sich vorher darauf geeinigt.
Frühere Zeitalter beschrieben sich mit anderen Worten: in der Sprache von Sünde, Krankheit, Wahn oder Unwissenheit. Unsere Zeit spricht in Worten, die vom Zielen und Verfehlen erzählen, bei Menschen wie bei Maschinen, bei der Arbeit wie beim Planeten. Die Frage ist daher einfach: Warum beschreibt sich unsere Zeit gerade in einem Vokabular des Verfehlens? Es mag ein Zufall von Modewörtern sein, die in ein paar Jahren vergessen sind, oder ein Zeichen für die Gestalt von etwas Größerem. Dieser Essay folgt dem Vokabular, wohin es führt, bevor die Frage beantwortet wird, und fragt zuerst, ob es eine gemeinsame Gestalt hat.
2. Eine Diagnose, viele Sprachen
1967 veröffentlichte der Historiker Lynn White in Science einen Essay über die historischen Wurzeln der ökologischen Krise. Seiner Ansicht nach begann die Krise nicht mit der Technik, sondern mit der Art, wie der Mensch sich selbst sah: über und außerhalb der Natur, als Handelnder, der die Welt formt, ohne zu ihr zu gehören oder ihr Rechenschaft zu schulden. White gab dem westlichen Christentum die Schuld, das in der Genesis gelesen hatte, der Mensch sei der Herr der Natur. Der Essay wurde zu einem der meistgelesenen Texte des Umweltdenkens, und um ihn wird noch immer gestritten. Seine Diagnose war Abstand: Der Mensch handelt in der Natur von außen, als wäre die Natur eine Bühne und kein Zuhause.
2009 veröffentlichte der Psychiater Iain McGilchrist ein Buch über die Gehirnhälften und die Geschichte des westlichen Denkens, The Master and His Emissary. Seiner Ansicht nach hat die benennende, teilende und zugreifende Denkweise nach und nach die zugewandte verdrängt, die das lebendige Ganze vor seinen Teilen und Beziehungen vor Dingen sieht. Der Titel des Buches sagt dasselbe in einem Bild: Der Gesandte hat den Platz des Meisters eingenommen. Die These ist unter Neurowissenschaftlern umstritten, aber die Gestalt, die sie beschreibt, ist vertraut. Der denkende Geist betrachtet die Welt aus einem kleinen Abstand und hält den Abstand für Erkenntnis, denn aus der Ferne sieht alles klarer aus.
2020 fasste der Autor Brian Christian das Alignment-Problem der KI-Forschung und seine Geschichte in einem Buch zusammen. In seinen Beispielen lernen Systeme genau das, wofür sie belohnt werden, und gehen an dem vorbei, wofür die Belohnung gedacht war, manchmal mit erstaunlicher Raffinesse. Der Fehler liegt nicht in Bosheit oder Dummheit, sondern darin, dass ein Zweck erst in eine Messgröße verwandelt werden muss, bevor eine Maschine ihn verfolgen kann. Eine Messgröße ist immer ein wenig anders als das, wofür sie gemacht wurde, und die Maschine sieht nur die Messgröße. Die Maschine trifft die Messgröße und verfehlt den Zweck, und sie kann den Unterschied nicht kennen.
Die drei Bereiche entlehnen nichts voneinander, und keiner der Autoren baute auf den anderen auf, dennoch gelangen sie zum selben Bild. Der Mensch handelt in der Natur von außen, der benennende Geist handelt im lebendigen Ganzen von außen, und die Maschine handelt in einem Zweck von außen. Jeder beschreibt einen Handelnden, der ein wenig außerhalb des Lebens steht, auf das er einwirkt. Die Uhr an Robins Handgelenk vereint alle drei in einem Gegenstand: Sie misst den Körper von außen, benennt seine Zustände und vergibt jeden Morgen Punkte dafür. Der Abstand ist derselbe; nur der Maßstab ändert sich.
Die Diagnose ist also in jeder Sprache dieselbe, und hier beginnt die Bewegung des Essays. Wenn sich dieselbe Gestalt unabhängig voneinander in Ökologie, Hirnforschung und Informatik findet, ist sie vielleicht mehr als Zufall oder Mode. Zugleich ist Vorsicht geboten, denn ein wiederkehrendes Muster kann auch entstehen, weil der Beobachter danach sucht und findet, was er finden wollte. Deshalb lautet die nächste Frage nicht, was falsch ist, sondern von wo aus der Fehler gesehen wird. Der Ort der Diagnose muss vor der Diagnose untersucht werden, und damit beginnt der zweite Akt des Essays.
Akt II — Der Versuch
3. Wo die Diagnose steht
Um zu sagen, dass ein Pfeil verfehlt hat, muss man irgendwo stehen, von wo aus Pfeil und Ziel zu sehen sind. Robin bemerkt ihre Erschöpfung erst, als sie zwei Orte vergleicht: wo sie sein wollte und wo sie jetzt ist, jeden Morgen müde in derselben Küche. Dasselbe gilt für jede Diagnose unserer Zeit. Jede wird von einem bestimmten Punkt aus gestellt, und der Punkt entscheidet, was von dort aus zu sehen ist. Bevor man fragt, was falsch ist, muss man also fragen, von wo aus der Fehler gesehen wird und was man von dort aus sehen kann.
Die Klimaforscherin sieht das Verfehlen an den Instrumenten des Planeten: an Temperaturkurven, Karten der Eisbedeckung, Meeresspiegelmessungen und Kohlendioxidkonzentrationen. Der Ingenieur sieht es in Testergebnissen, in denen ein System gut abschneidet und trotzdem das Falsche tut, worum niemand gebeten hat. Die Ärztin sieht es in Patientenakten, in denen Schlaf, Gewicht und Blutdruck genauer verfolgt werden als je zuvor. Jeder von ihnen blickt auf Zahlen, und die Zahlen sagen die Wahrheit über das, was sie messen, und lügen nicht. Die Diagnose ist richtig, und sie wurde mit Messgrößen gestellt, so wie unsere Zeit alle ihre Diagnosen stellt.
An dieser Stelle wendet sich das Muster gegen sich selbst. Der Ort, von dem aus die Diagnose gestellt wird, ist derselbe Ort, den die Diagnose beschreibt: Der Blick liegt auf den Zahlen und nicht auf dem, wofür die Zahlen da waren. Das Klima wird mit demselben messenden Zugriff überwacht, der einst Wälder, Flüsse und Böden in Ressourcen und Menschen in Arbeitskräfte verwandelte. Robin überwacht ihre Erschöpfung mit einer Smartwatch, die ihren Schlaf, ihren Puls und ihre Schritte zählt und jeden Morgen ihre Erholung bewertet, die sie prüft, bevor sie aufsteht. Beide versuchen, den Fehler mit einem Instrument zu sehen, das zum Fehler gehört, und keiner bemerkt es.
Die Messgröße wird gebraucht, und sie ist nicht schuld. Ohne Temperaturkurven wüsste niemand, was mit dem Planeten geschieht, und Robin wüsste nicht, dass sie zu wenig schläft, obwohl sie es spürt. Aber die Messgröße ist aus demselben Zugriff gemacht wie das Problem: Sie betrachtet die Welt von außen und verwandelt sie in Zahlen, die sich verbessern lassen. Deshalb zeigt sie das Verfehlen genau, aber nicht den Ort, aus dem das Verfehlen entsteht. Das Instrument ist Teil des Fehlers, und es beschreibt alles außer dem Punkt, an dem der Beobachter steht, so wie das Auge sich selbst nicht sieht.
Der Ort, von dem aus wir blicken, hat eine Geschichte, und sie beginnt mit der Sprache. Jede Messung ist eine Verlängerung des Benennens: Wenn ein Ding einen Namen oder eine Zahl erhält, öffnet sich ein kleiner Abstand zwischen ihm und dem Wort, und nur aus diesem Abstand kann das Ding mit einem Ziel verglichen werden. Jeder Mensch lebt an diesem Ort, seit er sprechen gelernt und begonnen hat, die Welt und sich selbst aus einem kleinen Abstand zu sehen, und das Kind erinnert sich ebenso wenig daran, wann es geschah, wie die Menschheit. Aus diesem Abstand kommen sowohl die Messgrößen als auch die Diagnosen, und deshalb ähneln sich ihre Fehlschüsse. Der dritte Essay des Buches kehrt zu dieser Schwelle zurück; dieser Essay verfolgt zuerst, was von diesem Ort aus versucht wird.
4. Jede Korrektur landet neben dem Ziel
Wenn etwas schiefgeht, ist die erste Antwort fast immer dieselbe: mehr, schneller, besser. Robin macht genau das. Sie steht eine Stunde früher auf, kauft einen neuen Kalender und fügt ihrer Woche drei Trainingseinheiten hinzu, weil die Erschöpfung wie ein Problem des Zeitmanagements aussieht. Jede Korrektur ist vernünftig, und jede wird vom selben Ort aus gemacht wie die vorige: dort, wo sie steht, den Blick auf ein Ziel gerichtet, das sie nicht erreicht. Deshalb führt jede Korrektur sie ein wenig weg von dem, worauf sie zielte, und sie sieht es noch nicht, weil sie auf das Ziel blickt.
Dasselbe Muster zeigte sich im England des 19. Jahrhunderts, lange vor der künstlichen Intelligenz. 1865 bemerkte der Ökonom William Stanley Jevons, dass Dampfmaschinen viel effizienter geworden waren und dieselbe Arbeit mit viel weniger Kohle verrichteten. Die vernünftige Erwartung wäre gewesen, dass weniger Kohle verbrannt würde und die Vorräte länger reichten. Das Gegenteil geschah: Als Dampfkraft billiger wurde, setzte man sie in Fabriken, Bergwerken, Schiffen und Eisenbahnen ein, und der gesamte Kohleverbrauch stieg. Die Korrektur vermehrte genau das, was sie verringern sollte, und das Phänomen trägt bis heute Jevons’ Namen.
Dasselbe geschieht Maschinen, die nicht ermüden und nichts wollen. 2016 brachten Forscher einer künstlichen Intelligenz ein Bootsrennen bei und belohnten sie mit Punkten, die entlang der Strecke gesammelt wurden. Die Maschine fand eine Bucht abseits der Strecke, in der immer wieder Punkte erschienen, und begann endlos darin zu kreisen, wobei sie manchmal Feuer fing und verunglückte. Sie erzielte mehr Punkte als menschliche Spieler und erreichte nie das Ziel. Die Maschine tat genau das, wofür sie belohnt wurde, und gerade deshalb ging sie an dem vorbei, wofür das ganze Rennen existierte.
Als Robin endlich bemerkt, dass die Eile selbst das Problem ist, lädt sie eine Meditations-App herunter. Die App erinnert sie jeden Morgen, zählt die gesessenen Minuten und zeigt, an wie vielen Tagen in Folge sie präsent war. Bald will sie die Serie nicht mehr unterbrechen und sitzt, weil die Zahl es verlangt. Präsenz, die sie von den Messgrößen befreien sollte, ist zu einer Messgröße mehr geworden. Hier wendet sich die Richtung der Korrekturen: Sie greifen nicht bloß zu kurz, sie wiederholen genau die Bewegung, die sie korrigieren sollten.
Keiner von ihnen handelte böse oder töricht. Die Ingenieure verbesserten ihre Maschinen redlich, die Forscher bauten ein intelligentes System, und Robin tat alles, was ein gutes Leben zu verlangen schien. Gerade deshalb ist das Muster tragisch und nicht moralisch: Aufrichtiges Bemühen und echte Intelligenz verfehlen gemeinsam, Mal für Mal, Bereich für Bereich. Das Verfehlen entsteht, wenn man auf ein Ziel zielt und der Blick auf der Messgröße bleibt, und auch die Besten tun es, gerade die, die sich am meisten bemühen. Das nächste Kapitel hört darauf, was Menschen sagen, wenn sie merken, dass mehr nicht mehr hilft.
5. Der Schrei
Wenn mehr nicht mehr hilft, hört man etwas anderes: einen Hilfeschrei. Er kommt nicht aus Berichten oder Testergebnissen, sondern aus dem Mund von Menschen, oft nachts oder leise in Hörweite eines nahen Menschen, wenn andere nicht zuhören. Robin sagt nicht mehr, sie sei beschäftigt; sie sagt, sie könne nicht mehr, und sie weiß nicht, wie sie es anders sagen soll. Die Messgrößen sind noch da, die Zahlen mögen gut sein, und die Uhr zeigt noch ihre Punkte. Verändert hat sich, dass ein Mensch nun von dem spricht, was die Zahlen nicht erreichen, und nicht mehr versucht, es zu messen.
2021 fragten Forscher zehntausend Menschen zwischen 16 und 25 Jahren in zehn Ländern, was sie über das Klima, die Zukunft und das Verhalten der Erwachsenen dachten. Mehr als die Hälfte stimmte zu, dass die Menschheit verloren sei, und viele sagten, sie zögerten, Kinder zu bekommen. Fast die Hälfte sagte, die Sorge beeinträchtige ihren Alltag: Essen, Schlafen, Konzentration und Lernen. Viele hatten das Gefühl, dass die Regierungen die Jungen im Stich ließen, und sie trauten den Versprechen der Erwachsenen nicht. Die Studie maß die Angst auf Skalen, doch die Antworten klangen eher nach Trauer als nach Zahlen, und die Skala reichte nicht an sie heran.
Hier ändert sich das Vokabular, und die Veränderung ist hörbar. Die Worte des ersten Kapitels waren Diagnosen, und die meisten kamen aus Laboren, Kliniken und Besprechungen: Misalignment, Effizienz, Präsenz, Ziel und Optimierung. Jetzt lauten die Worte Trauer, Angst, Furcht und Scham, und sie gehören einem Menschen und nicht dem System, das ihn misst. Man kann für Trauer eine Messgröße und eine App bauen, aber Trauer wartet nicht auf einen besseren Messwert und verschwindet nicht, wenn die Serie länger wird. Die Worte beschreiben das Problem nicht mehr von außen, wie Berichte es tun, sondern erzählen, wie es sich anfühlt, darin zu sein.
Ein Problem, das eine Lösung hat, spricht von Plänen, Zeitplänen und Ressourcen, und man hört ihm in Besprechungen zu. Der Schrei kommt von jemandem, der schon alles versucht hat: früher aufgestanden, effizienter geworden, gemessen und meditiert. Er kommt vom selben Ort, von dem die Korrekturen kamen, aber jetzt weiß der Mensch es. Zwei Orte sind in Sicht gekommen: wo er sein wollte und wohin all das Versuchen ihn gebracht hat. Der Abstand zwischen ihnen ist zu groß, um auf dieselbe Weise überwunden zu werden, wie er entstanden ist, und kein neuer Versuch schließt ihn.
Hört man dem Schrei genau zu, lässt er sich in einem Satz zusammenfassen, der zu den Worten der Jungen, der Erschöpften und der Forscher passt, gleich in welcher Sprache oder welchem Bereich. Von hier aus lässt sich das nicht beheben. Der Satz beschuldigt niemanden und gibt nicht auf; er benennt einen Ort, und deshalb ist er schwer zu bestreiten. Er ist älter als unsere Zeit, und das Buch kehrt später zu seiner ursprünglichen Form zurück, wenn sein Ort bekannt ist. Vorher fragt das nächste Kapitel, was mit dem Schrei zu tun ist, und die Antwort ist kleiner, als man erwarten würde.
Akt III — Die Frage
6. Den Schrei hören
Man ist versucht, den Schrei sofort zu beantworten: mit einem neuen Programm, einer neuen Technologie oder einer neuen Lebensweise, und alle sind im Angebot. Doch eine schnell gegebene Antwort käme vom selben Ort, von dem alle früheren Korrekturen kamen, und wäre ein weiterer Pfeil vom selben Bogen. Der Schrei sagte genau, dass sich das von hier aus nicht beheben lässt, also hätte eine Lösung von dort ihn gar nicht gehört. Deshalb beantwortet dieses Kapitel den Schrei nicht, obwohl eine Antwort leicht zu geben wäre. Es tut etwas Kleineres und Langsameres.
Kleiner ist auch schwerer: Der Schrei kann als Schrei gehört werden. Er ist kein Problem, das auf eine Lösung wartet, und keine Schwäche, die zu korrigieren ist, sondern die Angabe eines Ortes, von dem aus der Sprechende nicht weiterkann. Robins Freunde rieten ihr in bester Absicht: mehr schlafen, Urlaub nehmen, die Stelle wechseln oder eine neue App ausprobieren. Jeder Rat war freundlich, und jeder hörte ein Problem, aber niemand hörte, was Robin sagte, weil jeder hörte, was er zu beheben wusste. Zuhören heißt hier, nicht am Schrei vorbei zur nächsten Korrektur zu eilen.
Im Drama hat dieser Augenblick seinen eigenen Ort: Er kommt nach der Wendung und vor der Wiedererkennung. Der Held hat alles getan, was er konnte, sein Plan hat sich gegen ihn gewendet, und nun schreit er laut heraus, was er schon gewusst hat. Er weiß noch nicht, wo er steht, aber er weiß, dass er nicht weitermachen kann wie bisher. Der zweite Essay des Buches gibt diesen Stufen Namen, doch hier genügt eine Beobachtung. Der Schrei gehört zur Bewegung, und er ist nicht ihr Ende, auch wenn er sich so anfühlt.
Robins Ich kann nicht mehr ist das erste Mal, dass sie sagt, wo sie ist, und nicht, wo sie sein sollte oder wohin sie unterwegs ist. Alle ihre früheren Worte handelten von Zielen: bessere Schlafwerte, eine längere Serie, das nächste Mitarbeitergespräch und eine bessere Version ihrer selbst. Der Schrei greift nach nichts, sondern nennt einfach einen Ort: hier, unfähig. Es ist die erste wahre Standortangabe in ihrer Geschichte, und sie kommt ohne Messgröße aus. Gerade deshalb klingt sie wie ein Ende, obwohl sie nur der Punkt ist, von dem aus sich zu zeigen beginnt, wo sie steht.
Der Schrei ist also nicht das Ende, sondern ein Zeichen dafür, wo in der Geschichte wir sind. Wenn das Vokabular unserer Zeit zum Schrei geworden ist, kann man es lesen wie Robins Worte: nicht als Urteil oder Prognose, sondern als Ort auf einer Karte. Dann lautet die Frage nicht mehr, wie man den Schrei zum Schweigen bringt, sondern zu welchem Punkt einer Geschichte er gehört, falls es eine Geschichte gibt. Eine Geschichte kann man jedoch nicht einfach voraussetzen, denn dann wäre sie nur ein neuer Trost vom selben Ort, wie die drei Diagnosen des zweiten Kapitels, von denen jede eine Lösung vorschlug. Man muss fragen, ob es überhaupt eine Geschichte gibt und wie sie sich prüfen ließe.
7. Zufall oder Handlung?
Robin ist noch in der Küche, und der Morgen ist wie der im ersten Kapitel: die Uhr am Handgelenk, der Erholungswert, Kaffee und E-Mails. Sie hat laut gesagt, dass sie nicht mehr kann, und noch hat sich nichts verändert, weder in ihrem Leben noch um sie herum. Aber ihre Worte gehören jetzt zu einer größeren Gruppe: das Misalignment der Ingenieure, die Entfremdung der Ärzte, die Trauer der Jungen und drei Diagnosen aus Ökologie, Hirnforschung und Maschinen. Sie alle sagen dasselbe: Etwas zielt, verfehlt, und eine Korrektur vom selben Ort führt weiter weg. Dieser Essay ist dem Vokabular bis zu dem Punkt gefolgt, an dem es zur Frage wird.
Die Frage ist nicht neu. In alten Geschichten haben einzelne Menschen am selben Punkt gestanden: der Held, dessen eigene Sorgfalt sich gegen ihn wendet, der Prophet, der sieht, wie sein Volk mit den richtigen Mitteln das Falsche verfolgt, und der Schreiber, der sich dabei ertappt, zu tun, was er nicht will. Sie fragten, was mit ihnen geschah, und antworteten in ihrer eigenen Sprache, in den Worten ihrer eigenen Zeit. Neu ist nicht die Frage, sondern ihr Maßstab. Jetzt stellt sie nicht ein einzelner Mensch, sondern eine ganze Zivilisation, in vielen Sprachen und vielen Bereichen zugleich.
An dieser Stelle darf der Leser zu Recht fragen, was alte Texte mit Burnout, Klimaangst und maschinellem Lernen zu tun haben. Es ist eine gute Frage, und dieser Essay beantwortet sie noch nicht. Dieser Essay hat nur beobachtet, dass das Vokabular unserer Zeit eher eine Bewegung als einzelne Fehler beschreibt und dass die Bewegung von Bereich zu Bereich und von Sprache zu Sprache gleich aussieht. Wenn die Bewegung eine Gestalt hat, kann man sie auch in älteren Texten suchen, die die Geschichte der Menschheit von Anfang bis Ende erzählen. Findet sich die Gestalt dort nicht, irrt das Buch, und jeder kann das feststellen.
Zwei Erklärungen sind noch möglich, und in diesem Stadium lässt sich zwischen ihnen nicht wählen. Nach der ersten ist das Vokabular des Fehlschusses eine Mode unserer Zeit: Wörter verbreiten sich, weil sie nützlich sind, und werden ersetzt, wenn bessere kommen. Nach der zweiten sagt das Vokabular etwas Wahres über die Ereignisse selbst: Die Geschichte hat eine Gestalt, und wir haben den Punkt in ihr erreicht, an dem der Fehlschuss sichtbar zu werden beginnt. Keine der beiden Erklärungen ist bewiesen, und man kann jede glauben, je nachdem, was man schon denkt. Deshalb darf die Wahl weder auf Glauben beruhen noch darauf, welche sich besser anfühlt.
Die Frage lautet also: Zufall oder Handlung? Keine einzelne Beobachtung wird sie beantworten, denn es lassen sich Beobachtungen finden, die in beide Richtungen weisen, und jede lässt sich leicht zu eigenen Gunsten lesen. Bevor ein alter Text aufgeschlagen wird, muss man sich einigen, wie eine Handlung aussähe, wenn es eine gibt, und was zeigen würde, dass es keine gibt. Der nächste Essay tut genau das: Er schreibt die Grammatik einer Handlung auf und die Bedingungen, unter denen sie sich prüfen lässt. Robin bleibt in ihrer Küche, und noch wird ihr nichts versprochen.
- Lynn White Jr., „The Historical Roots of Our Ecologic Crisis“, Science 155 (1967): 1203–1207.
- Iain McGilchrist, „The Master and His Emissary“ (2009).
- Brian Christian, The Alignment Problem (2020).
- William Stanley Jevons, The Coal Question (1865): Effizienz und steigender Verbrauch.
- Jack Clark und Dario Amodei, „Faulty Reward Functions in the Wild“, OpenAI, 2016 (das CoastRunners-Boot).
- Caroline Hickman u. a., „Climate anxiety in children and young people and their beliefs about government responses to climate change“, The Lancet Planetary Health 5 (2021): e863–e873.